Hoffmann

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Eigene Schriften 3


DESIDERAVI INTELLECTU VIDERE QUOD CREDIDI

Diese Sentenz ist uns vom heiligen Augustinus überliefert. Nach allem was wir über ihn wissen, und dieses Wissen stammt sinnigerweise aus seiner eigenen Feder, dürfen wir ihm, wenigstens für die erste Hälfte seines Lebens weniger gute Charaktereigenschaften und einen ausschweifenden, unmoralischen Lebenswandel nachsagen.
Später, vom Heidentum über die Lehre der Manichäer zum Christentum konvertiert, geriet er in Mailand unter den Einfluss des christlichen Bischofs Ambrosius und arrivierte selbst zum einflussreichen Kirchenvater.
Seine höchst unchristliche Vergangenheit suchte er mit einem Schuldbekenntnis  in überschwänglicher Reue aus der Welt zu schaffen. In die moderne Zeit übertragen, könnte man dieses Verhalten ‚Methode Michael Friedmann‘ nennen. Auch mit einem befleckten Lebenswandel kann man ungebremst weiter moralisieren, man muss eben nur bereuen und in aller Öffentlichkeit mit treuherzigem Augenaufschlag um Verzeihung bitten.
Nun hat uns der Kirchenvater Augustinus durch seine zahlreichen Schriften einen tiefen Einblick in seine über einen langen Zeitraum hinweg mutierende und schließlich eingefrorene Denkweise hinterlassen.
Wir erkennen Denkschemata, die unter veränderten Rahmenbedingungen bis in unsere Zeit ganz allgemein unterbewusst, nicht nur im religiösen Sinne wo sie gerechtfertigt sein könnten, sondern auch bedenkenlos auf politisch-gesellschaftliche Sachverhalte angewendet werden.
Augustinus war nach längerem Zögern erst im Alter von 33 Jahren zum Christentum übergetreten. Der Zustand der Unentschlossenheit hatte ihn an den Rand der Verzweiflung gebracht. Seine Betroffenheit fasst er in dem kurzen Satz, ich bin mir selbst zur Frage geworden: „
Questo mihi factus sum“.
Schließlich wandelte sich seine zuvor eigenständige philosophische Denkweise in Elemente offenbarungsgläubigen dogmatischen Denkens. Doch es fällt ihm nicht leicht, sein philosophisch analytisches Denken so einfach mir nichts – dir nichts  über Bord zu werfen. So ringt  er sich dazu durch, vor alle logischen Erkenntnisse den einfachen dogmatischen, an den Wortlaut der Heiligen Schrift gebundenen Offenbarungsglauben zu stellen, will sich aber trotzdem vergewissern, dass der Glaubensinhalt der Offenbarung der Vernunft nicht entgegensteht. Woran er scheitert.
Augustinus schrieb, er wünschte, dass sein Verstand ihm bestätigte, was die Offenbarung ihm zu glauben auferlegt:
„Desideravi intellectu videre, quod credidi.” Dieser Satz macht deutlich, wie sehr Augustinus mit zwei divergierenden Geisteswelten hadert.
Um den Dauerkonflikt zu vermeiden, gibt er am Ende eindeutig den starren Dogmen der Offenbarung gegenüber der flexiblen Logik und Vernunft den Vorrang. Das Dogma herrscht nun über die Erkenntnisse des logischen Denkens.
Und genauso verhält sich auch der moderne, gleichwohl vom Kirchendenken geprägte Mensch, wenn es um politisch gesellschaftliche Belange geht. Das Denken in dogmatischen Kategorien ist durch jahrhundertelange katholische Beeinflussung im Volksbewusstsein tief verankert.
In unserer Zeit hat das Dogma von der unüberbietbaren Qualität der demokratischen Staatsform einen weltweiten Siegeszug angetreten. Auch dort wo noch andere gesellschaftliche Regeln gelten, lechzen schon zu viele Menschen bereits nach Demokratie, ohne deren wahres Wesen wirklich erkannt zu haben.
Als zweites, die moderne Zeit beherrschendes Dogma findet die stets im Zusammenhang mit der Demokratie stehende freie Marktwirtschaft überall ihre Befürworter, freilich auch, ohne ihre schädlichen Auswirkungen zu realisieren. Die freie Marktwirtschaft wiederum ist von der dogmatisch verstandenen Anforderung, fortwährend immer weiteres Wachstum zu produzieren nicht zu trennen. Obwohl gerade in unserer Zeit die Untauglichkeit der erwähnten Dogmen unübersehbar offenkundig wurde, ist kaum jemand bereit, sie, wie es notwendig wäre, zu negieren.
Wenn wir nicht bereit sind, die gewohnten Denkschemen zu Gunsten neuer Überlegungen aufzugeben, wenn die mit herkömmlichen Denkschemen überfrachtete Festplatte in unserem Hirn nicht geputzt wird, damit Neues eingebracht werden kann, dann wird das Erstarren der gesellschaftlichen Mechanismen, die nicht wirklich reformierbar sind, den Zusammenbruch unseres noch, aber nicht ewig funktionierenden Gemeinwesens unausweichlich machen.
Der bisherige Wohlstand wird durch den Dauerzustand Armut, Not und Verzweiflung abgelöst werden.
Untersuchen wir zunächst das Dogma von der Demokratie als beste und einzig Wohlstand bescherende Staatsform. So zu sagen das konkurrenzlose non plus Ultra hinsichtlich der optimalen Volksverwaltung.
Unter dem Begriff Demokratie wird gemeinhin eine Staatsform verstanden, bei der alle Macht vom Volk ausgeht. Unhinterfragt klingt das wunderbar, ist aber in Wirklichkeit alles andere als optimal, wenn man vom Grundgedanken des Volkswohles ausgeht.
Zunächst ist festzustellen, dass in der Demokratie, in der Form, wie sie unsere Zeit bestimmt, nämlich der parlamentarischen Demokratie, schon in gewisser Weise die Macht vom Volke ausgeht. Genauer gesagt, von einem Teil des Volkes. Nämlich dem Teil, der im Wahlvorgang die Mehrheit stellt. Der gesamte Volkswille wird so nicht repräsentiert. Es geht zwar die Macht von Teilen des Volkes aus, aber sie bleibt nicht beim Volk noch nicht einmal bei der Personengruppe, die Wahlsieger wurde, denn die Wähler haben ihr politisches Mitbestimmungsrecht mit der Wahl der Delegierten aufgegeben. Jeder konkrete Einfluss der Bürger auf die politischen Entscheidungen der gewählten Regierung ist ausgeschlossen. Dabei handelt die Regierung nur scheinbar, aber nicht wirklich vorrangig im Interesse des Volkes. Sie hat unverrückbar vorgegebenen Sachzwängen zu folgen. Der alles beherrschende Sachzwang ist wirtschaftlicher Natur. Da die Wirtschaft privat kapitalistisch ausgerichtet ist, liegt zwangsläufig alle Macht im Staat in den Händen der Hochfinanz. Der amerikanische Systemkritiker James Burnham schrieb 1940 in seinem Buch ‚Das Regime der Manager‘:
„Die Demokratie ist die Dienstmagd der Hochfinanz“.
Welche Probleme sich aus dieser Konstellation ergeben, ist besonders jetzt in Zeiten der allumfassenden Wirtschaftskrise unübersehbar. Der allgemeine Wunsch nach Besserung der Verhältnisse wird mit der stereotyp vorgebrachten Forderung nach mehr Demokratie verbunden. Unter mehr Demokratie wird mehr Mitbestimmung verstanden. Die Hoffnung, mehr Mitbestimmung könne die sich stetig verschlechternde Lebenssituation der Menschen verbessern, ist trügerisch. Die Herrschaft der internationalen Hochfinanz hat mit Hilfe des Mediums Demokratie äußerst negative Auswirkungen auf die Wohlfahrt der Völker. Theodor Herzl schreibt dazu in seinem Traktat ‚Der Judenstaat‘:
„Die Demokratie ohne das nützliche Gegengewicht eines Monarchen ist maßlos in der Anerkennung und dient der Verurteilung, führt zu Parlamentsgeschwätz und zur hässlichen Kategorie der Berufspolitiker. Auch sind die jetzigen Völker nicht geeignet für die unbeschränkte Demokratie und ich glaube, sie werden zukünftig immer weniger dazu geeignet sein.“
Ob das nützliche Gegengewicht eines Monarchen ausreichen könnte, die praktischen Nachteile der Demokratie zu eliminieren scheint mir mehr als fraglich zu sein. Die Menschheit müsste völlig neue Wege beschreiten. Aber sie wird es, gehemmt durch überalterte aber lieb gewonnene Denkschemata nicht tun. Dogmengläubigkeit und die allgegenwärtige primitive Gier nach Sofortbefriedigung materieller Wünsche wird dazu führen, dass man sich mit dem unzulänglichen Gegenwärtigen zu begnügen hat. Man wird es kritisieren, gelegentlich bestreiken, aber nicht wirklich etwas zur Änderung der Verhältnisse unternehmen.
Ungeachtet dessen muss man sich auch ernsthaft die Frage stellen, welche Auswirkungen zu erwarten wären, wenn tatsächlich der reine Volkswille politisch umgesetzt würde. Die Nation ist eine Einheit von gleichberechtigten Staatsbürgern, aber diese Einheit besteht aus Millionen Einzelindividuen. Dabei hat jeder Mensch spezielle Wünsche und Vorstellungen davon, was ihm an materiellen Gütern und Entfaltungsrechten zuzubilligen ist. Wenn es um notwendige, zukunftswirksame Entscheidungen geht, wird es schwierig sein, ihm die Notwendigkeit klarzumachen, besonders dann, wenn Einschränkungen damit verbunden sind. Außenpolitische Entscheidungen, Bündnisse, Kriegseinsätze und Ähnliches kann der mehrheitlich einfach strukturierte Bürger nicht beurteilen.
Was kann das Volk überhaupt an Sachverhalten, die über die Belange des täglichen Lebens hinausgehen, sachgerecht beurteilen? Will man zum Wohl des Volkes ein optimales Staatswesen installieren, so dürfte die oberste Prämisse nicht der Wille des Volkes sein, sondern vielmehr seine Wohlfahrt. Zu entscheiden und anzuordnen hätte eine Regierung nicht unbedingt das, was vom Volk gewollt wird, sondern das, was ihm, auch auf die Zukunft bezogen, nachhaltig zum Nutzen ist. Um diesen Nutzen zum Wohl des Volkes durchzusetzen, müsste die Regierung nicht selten gegen den erklärten Willen der Bevölkerung handeln. Konrad Lorenz schrieb in diesem Zusammenhang:
„Es wird schwer werden, ihnen (den Menschen) die Wohltat zu erweisen, die ihnen Not tut“.
Um diesen Gedanken an einem Beispiel zu verdeutlichen, stelle man sich vor, der Nikotingenuss würde insgesamt und rigoros verboten. Eine solche Maßnahme würde zweifellos die Volksgesundheit optimieren und wäre somit zum Nutzen des Volkes, aber nicht unbedingt nach seinem Willen. Das gleiche lässt sich vom Alkohol sagen. Man stelle sich die revolutionsartigen Tumulte vor, wenn Schnapsläden und Brauereien geschlossen würden. Aber nach einem gewissen Zeitablauf, nach Entwöhnung und psychologischer Umorientierung würde der Entzug der süchtig machenden Nervengifte Alkohol und Nikotin zum Segen. Vielleicht sind Tabak- und Alkoholgenuss nicht das größte Problem, es gibt ganz andere, schwerer wiegende, aber ich führe diese Beispiele an, weil sie einen leicht nachvollziehbaren Demonstrationscharakter haben. Einzelne werden das verstehen, aber zur Veränderung der unzulänglichen Gesamtumstände kann das nicht führen. Wir leben leider in einem Zeitalter der totalen Dekomposition. Wir erleben eine rasant fortschreite Entartung aller ursprünglich wohl gemeinten Organisationssysteme und wir müssen ohnmächtig das Ergebnis dieser Entwicklung abwarten und sie am Ende schmerzhaft ertragen. Ich wünschte wahrhaftig,  mein Verstand könnte mir erklären, dass ich mich mit dem was ich erkannt habe im Irrtum befinde.

© Karl Heinz Hoffmann
Februar 2010
 

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BEGEGNUNGEN MIT JUDEN

In der thüringischen Kleinstadt Kahla, der Stätte meiner Kindheit und frühen Jugend, gab es weder Juden noch kann ich mich an besondere Diskussionen zum Thema Judentum erinnern. Davon, was ein Jude sein könnte, hatte ich nur vage Vorstellungen, die lückenhaft waren und dem damals Üblichen entsprachen. Zugegeben, das Thema interessierte mich seinerzeit auch herzlich wenig.
Als Sechzehnjähriger kehrte ich in meine Geburtsstadt Nürnberg zurück und nahm dort ein Fachstudium auf. Es gab zu Anfang keinen Anlass für mich, der Gesamtproblematik des Judentums in Deutschland besondere Aufmerksamkeit zu schenken, im Bezug auf die zu Anfang der fünfziger Jahre nach Deutschland gekommenen Ausländer war ich jedoch sehr interessiert
Meine erste Unterkunft fand ich im Weinstadel. Zu jener Zeit ein von ausländischen Studenten bevorzugtes Studentenwohnheim.
In der Mensa gaben Perser und Afghanen den Ton an und der waren natürlich persisch. Das orientalische fremdländische, so völlig andere, zog mich magisch an. Mein Zimmernachbar war ein um einige Jahre älterer iranischer Student, der es später bis zum kaiserlichen Botschaftsrat gebracht hatte. Ich wollte damals unbedingt persisch lernen, um mich in der Gemeinschaft der iranischen Studenten, zu der ich mich bald zugehörig fühlte, behaupten zu können. Ein älterer Herr, der in der MAN für einige Monate zum Einsatz im Iran geschult wurde unternahm es,  mir die persische Grammatik einzu-pauken. Dies tat er wie ein Schulmeister alter Art, mit endlosen Wiederholungen, solange bis mir nur noch geringfügige Fehler unterliefen. Hadi Shafi, so hieß mein strenger, aber herzensguter Lehrer, wird mir in dankbarer Erinnerung bleiben. Umso mehr, als mir das mit 16 Jahren Erlernte schon zwei Jahre später von großem Nutzen war. Im Herbst des Jahres 1955 begab ich mich auf meine erste große Reise. Zunächst nach Spanien und von dort aus, in die entgegengesetzte Richtung auf dem Landweg bis nach Teheran.
Ich reiste allein mit wenig Geld per Autostopp. Auf der Wegstrecke durch die Länder Syrien und Irak geschah es natürlich immer wieder, dass arabische Einheimische nicht nur wissen wollten, wo ich herkam. Meine Anwesenheit erschien ihnen rätselhaft. Tourismus gab es zu jener Zeit  noch nicht. Als sie merkten, dass ich aus Deutschland kam, versuchten sie etwas über mein politisches Denken zu erfahren, was damals noch vollkommen unterentwickelt war. Als Geschädigter des DDR-Regimes hatte ich mir die Devise zu Eigen gemacht: Alles kann für mich möglich sein nur nicht politische Anteilnahme am Zeitgeschehen. So machte ich es mir mit der Beantwortung politischer Fragen zunächst sehr einfach. Wenn ich erkannt hatte, was mein Gesprächspartner am liebsten hören würde, bekam er auch genau dies zu hören. Politik interessierte mich ja ohnehin nicht. Und was die Araber hören wollten, wurde sehr schnell klar.
Ich erinnere mich, wie ich auf einem einsamen Spaziergang in Bagdad regelrecht angegriffen wurde, nachdem man meine Nationalität erkannt hatte. Im Irak war bekannt geworden, dass die Adenauer-Regierung Zahlungen an Israel leistete. Das war Grund genug, mir ans Leder zu gehen.
„Why give the German government money to the Jewish?“ dröhnte es mir entgegen. Alle Versuche zu erklären, dass ich persönlich mit dieser Entscheidung Adenauers nichts zu tun hatte, nützten nichts. Ich konnte nur noch das Hasenpanier ergreifen.
Es wurde mir bewusst, dass ich auf die Frage nach meiner Meinung zu allem, was im weitesten Sinne im Bezug zu Israel stand, mit einer irgendwie abwertenden Bemerkung zu antworten hatte. Das war das Mindeste an Notwendigkeit, wenn ich in Ruhe weiterziehen wollte.
Dass ich glücklich nach Teheran gelangte und mich auch dort schnell zurechtfand, verdankte ich einem persischen Bahai, so wie auch alle meine engsten Freunde in Teheran der Bahai-Sekte angehörten.
Die weit über die übliche Gastfreundschaft hinausgehende Hilfsbereitschaft der Bahai-Familien die mich fast schon wie ein Familienmitglied aufgenommen hatten, bleibt unvergessen. Die Bahai-Familien sorgten für mich, beschafften mir Arbeit und ließen mich an ihren gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Wenn ich nicht mit meinen Bahai-Freunden zusammen war, schlenderte ich allein, zumeist in den Abendstunden, durch die Straßen Teherans.
Eines Tages blieb ich vor dem Schaufenster einer kleinen Druckerei stehen, und sah zu, wie sich die schweren Druckplatten eines Heidelberger Tiegels rhythmisch auf und nieder bewegten. Der Inhaber der Druckerei war ein älterer Mann, so um die Mitte sechzig. Er kam sofort auf mich zu, um mich zu begrüßen, bot mir gleich eine Tasse Tee an und wir kamen ins Erzählen über dies und jenes und wurden schnell Freunde. Sooft es mir möglich war, ging ich zu ihm auf ein Schwätzchen. Dabei kamen mir meine Anfangskenntnisse der persischen Sprache sehr zugute. Die Perser konnten mich nicht oft genug und lange genug reden hören. Sie fanden meinen deutschen Akzent so amüsant.
Eines Tages stellte mir mein Freund, der Druckereibesitzer eine verhängnisvolle Frage, für die ich bei aller Peinlichkeit die ich mir durch meine Antwort damals selbst bescherte, noch heute dankbar bin, weil sich meine Denkweise daraufhin ganz wesentlich geändert hat
Die Frage war wohl aus seiner Sicht längst fällig geworden, schließlich war ich ein Deutscher. Ein Angehöriger jenes Volkes, welches für seine Abneigung gegen alles Jüdische in der Welt zu trauriger Berühmtheit gelangt war.
Die Frage lautete: Was denken Sie von den Juden?
Was hätte ich damals anders antworten können, als die Repetition der mir in den arabischen Durchreiseländern aus Zweckgründen zugelegten Standardnegierung der Juden schlechthin. Was sich genau sagte, weiß ich heute nicht mehr, aber auf jeden Fall etwas phrasenhaft Vereinfachtes, Herab-würdigendes.
Der alte Mann sah mir fest in die Augen und sagte tonlos: „Ich bin ein Jude!“
Schlagartig wurde mir klar, dass ich in der ganzen vorangegangenen Zeit infam gehandelt hatte. Ich schämte mich unendlich,  am liebsten wäre ich im Erdboden versunken, um den Blick meines Freundes, denn das war er ohne Zweifel für mich, nicht standhalten zu müssen. Natürlich entschuldigte ich mich. Ich versuchte zu erklären. Auch besuchte ich den freundlichen Mann in der darauf folgenden Zeit so oft wie möglich, aber die Scham über meinen grenzenlosen Opporin Verbindung mit einer tiefgehenden Beleidigung konnte ich nicht überwinden. Es war mir auf jeden Fall eine Lehre für das ganze Leben.
Seitdem war für mich Opportunismus nie mehr und in keiner Form akzeptabel. Später pflegte ich das krasse Gegenteil, schon fast ein Michael-Kohlhaas-Syndrom. Wahrheit und Gerechtigkeit wurden mir zur Lebensmaxime auch dann, wenn ich damit wider den Stachel zu löcken hatte, und ich die Folgen sehr bitter zu spüren bekam.

. . .


Etwa 30 Jahre später zu einer Zeit, die ich meine „Kaffeehausperiode“ nenne, hatte ich eine Begegnung mit einem Juden völlig anderer Art. Einem Juden, der den landläufigen Vorstellungen von jüdischem Aussehen absolut nicht entsprach. Meine ausgedehnten Aufenthalte im Café  Groll, an der be-rühmten Fleischbrücke in Nürnberg, benutzte ich gerne dazu, Bekanntschaften mit Ausländern zu machen, um von ihnen so viel wie möglich über die Eigenarten ihrer Herkunftsländer zu erfahren, dabei interessierte mich alles. Während andere die Zeit totschlugen indem sie über Fußballergebnisse oder Golf debattierten, ließ ich mir Lebensumstände eines fernen Landes, besonders solche die man  nicht den Zeitungen entnehmen konnte, erläutern.
Mit dieser Absicht setzte ich mich zu einem jungen fremdländischen Mann an den Tisch und kam auch sofort mit ihm ins Gespräch. Er war nur mittelgroß, feingliedrig, mit intelligent blickenden Augen und er war vom Scheitel bis zur Sohle schwarz wie Ebenholz mit dem typischen Kraushaar der Afrikaner. Es war ein Äthiopier, aber kein Angehöriger des am Amharenvolkes und auch kein Gala, so viel war klar. Er musste wohl dem Hausa-Stamm  angehören, deshalb sagte ich zu ihm: „In Ihrer Heimat werden Sie wohl Haussa sprechen?“
Er war perplex: „Wie können Sie das wissen?“ staunte er. Als er mir seinen Vornamen nannte, war das Staunen auf meiner Seite, denn er hieß Abraham. Ibrahim hätte mich nicht erstaunt, aber wieso er der Schwarzafrikaner den biblischen Namen Abraham führen konnte, war mir damals unklar. „Nun“, meinte er lakonisch, „ich bin Jude“.

Damals wusste ich noch nichts über die aus Schwarzafrikanern bestehende jüdische Glaubensgemeinschaft in Äthiopien. Ein interessantes Gesprächsthema war neben zahlreichen anderen an diesem Tag und für viele weitere Zusammenkünfte gefunden. Zu jener Zeit herrschte gerade eine katastrophale Dürreperiode in den Steppengebieten Äthiopiens. Mensch und Tier verdursteten massenweise. Abraham vertrat, emotional sehr engagiert, die Auffassung, den Steppenbewohnern müsse auf jeden Fall umfassende Hilfe geleistet werden und er äußerte sich in diesem Zusammenhang unwillig über das geringe Engagement der abessinischen Regierung. Äthiopien hatte damals eine ziemlich neu installierte, sozialistische Regierung, die den letzten abessinischen Kaiser Haile Selassie abgelöst hatte. Aber besonders verurteilte er rückblickend die Tätigkeit des bis zu diesem Zeitpunkt bereits abgesetzten Negus während dessen Regierungszeit.
Ich widersprach. Das Gespräch ist mir heute noch sehr gut erinnerlich: „Sie tun dem Negus Unrecht, indem sie ihn der unterlassenen Hilfeleistung in den Dürregebieten beschuldigen.“ Abraham sah mich mit großen Augen verständnislos an. Ich fuhr fort: „Der Negus schöpfte als Angehöriger einer alten äthiopischen Herrscherdynastie aus jahrhundertealter, wenn nicht sogar tausendjähriger Erfahrung. Er wusste, dass jene trockenen Steppen nur mit einer begrenzten Menge Niederschlag gesegnet ist, der oft genug ganz ausbleibt, und die Brunnen nicht über große Wasservorräte verfügen, mit denen man unbegrenzte Mengen von Menschen und Tieren versorgen könnte. Die Steppe erlaubt eben nur Wenigen, auf ihr zu leben. Wird die zu den landschaftlichen Gegebenheiten passende Menge Lebewesen überschritten, so wird nicht nur der Überschuss an Leben zu Grunde gehen, sondern es wird das Sterben der Gesamtpopulation zu Folge haben.
Wenn die Menschen in der Steppe leben wollen, so müssen sie sich den dort herrschenden Bedingungen anpassen. Die versteppten Trockengebiete können immer nur eine begrenzte, nicht aber eine beliebig vermehrbare Menge Wasser hervorbringen.
Natürlich kann der Mensch mit modernen Methoden zunächst, aber nur kurzfristig wirksam, scheinbar zum Wohl der Menschen eingreifen, aber das grundsätzliche Problem kann er damit nicht lösen. Im Gegenteil, versorgt man die Menschen in diesen Gebieten künstlich mit Nahrungsmitteln, die dort nicht erzeugt werden können und mit von weit entfernten Orten herbeigeschafftem Wasser, dann überleben zwar zunächst Menschen, die ohne diese Hilfe sterben würden, aber was kommt danach?
Wie lange kann man auf Dauer stetig anwachsende Menschenmassen auf einem Gebiet, welches keine Ernährungsgrundlage bietet, am Leben erhalten?“
„Aber man kann doch Brunnen bohren“, meinte Abraham.
„Ja gewiss, fossiles Wasser gibt es fast überall, auch in den Wüstengegenden, aber was wäre die Folge? Man würde Trockengebiete eine Zeitlang mit mühsam gefördertem Grundwasser künstlich bebaubar machen. Vielleicht für drei oder vier Generationen. Danach ist die nur zur angepassten Besiedlung geeignete Steppe zur Salzwüste geworden, weil sich wegen der hohen Verdunstungsrate das mit dem fossilen Süßwasser geförderte Salz bis zur völligen Unbrauchbarkeit des Bodens anreichert. Ist das die Lösung? Wäre das ein gutes förderungswürdiges Programm?
Soll man, um die Steppe für einige tausend zusätzliche Nomaden, mit unverhältnismäßig hohem technischen Aufwand nutzbar zu machen, riesige Gebiete zur zukünftigen Salzwüste werden lassen?“
Abraham schwieg,  er wusste wohl nichts darauf zu antworten.
Es vergingen 10 Jahre. Ich hatte Abraham in der Zwischenzeit aus den Augen verloren. Zufällig traf ich ihn dann wieder, und es war mir eine Genugtuung, von ihm zu hören, dass er sich an unser Gespräch zu den äthiopischen Dürregebieten noch gut erinnerte und vor allem, wie er nun darüber dachte. Sehr ernst sagte er zu mir: „Ich habe oft über unser Gespräch nachgedacht und es mir wirklich nicht leicht gemacht, weil neben der Vernunft auch immer das Gefühl steht. Schließlich sind wir fühlende Menschen, aber dennoch weiß ich heute, Herr Hoffmann, dass Sie damals recht hatten.“
Diese Erkenntnis war ihm sicher nicht leicht geworden und wohl auch nicht von heute auf morgen gekommen. Jedenfalls freute ich mich über die Wirkung meiner damaligen Rede.

. . .

Im Sommer des Jahres 1978 hatte ich Veranlassung, auf die Einladung des rhodesischen Verteidigungsministers van der Byl nach Salisbury zu reisen.
Fragen Sie mich nicht, was wir zu besprechen hatten, ich werde Ihnen nichts darüber erzählen.
Damals war es gar nicht so einfach, nach Rhodesien zu gelangen. Es war die Zeit als noch Ian Smith regierte und das Land mit einem schon jahrelang währenden Guerillakrieg zu kämpfen hatte. Die ganze Welt, außer Südafrika hatte einen Warenboykott über das geschundene afrikanische Land verhängt. Rhodesien konnte mit keiner Fluglinie direkt angeflogen werden, deshalb buchte ich ein Ticket nach Blantyre, der Hauptstadt Malawis, dem ehemaligen Britisch-Njassaland, und legte von dort aus die letzten paar hundert Kilometer nach Salisbury in einer alten, zweimotorigen Propellermaschine der Malawi-Airlines zurück. Unter den Fluggästen war außer mir nur noch ein einziger Europäer. Ganz selbstverständlich setzten wir uns nebeneinander und begannen ein Gespräch mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen Inhalten. Woher? Wohin? Wozu?
Mein Gesprächspartner war jünger als ich. Dem Aussehen nach hätte seine Heimat überall in Europa, von Portugal bis Polen gewesen sein können.
Mit einem Wort, er war rein  äußerlich ein Durchschnittseuropäer. Wie ich bald erfuhr, war er Belgier und kam direkt aus dem Kongo.
Er hatte die Absicht, in Rhodesien zu bleiben, um sich dort eine Existenz aufzubauen. Zu jener Zeit war bekannt, dass Rhodesien europäische Einwanderer gerne akzeptierte, um die weiße Minderheit zu stärken, denn diese zählte nur ca. 300.000 Siedler. Mit de Baix, so hieß der junge Mann, konnte ich mich auf Deutsch unterhalten. Er sprach etwas gebrochen, mit französischen Vokabeln durchmischt, aber für mich gut verständlich. Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie de Baix aufmerksam meine rechte Hand betrachtete. An meinem Finger steckte ein schwerer silberner Ring, auf dessen Schauseite ein elfenbeinerner Totenkopf, durch dessen Auge sich eine Schlange wand, montiert war. Später gestand er mir, dass er sich mit der Frage abgemüht hatte, ob dieser Totenkopfring wohl ein SS-Symbol sei, oder ob er in Ermangelung der gekreuzten Knochen, und stattdessen der Schlange, die nicht so recht zum SS-Ring passen wollte, vielleicht doch eine andere Bedeutung haben könnte.
Ich wiederum bemerkte sofort einen goldenen Davidstern, den de Baix mit einem dünnen Kettchen am Halse trug.

Ohne Umschweife fragte ich ihn, ob er Jude sei. Nachdem er dies bejahte, hatten wir natürlich noch sehr viel mehr Gesprächsstoff für die nächste Zeit.
Glücklich in Salisbury angekommen, suchten wir gemeinsam das erstbeste Hotel auf. Es war das vornehme Jamason Hotel und eigentlich für unser beider Geldbeutel viel zu teuer. Doch de Baix wusste schnell Rat. Schon am nächsten Tage kam er mit der Nachricht, er habe ein möbliertes Apartment gemietet und bot mir an, bei Zahlung der halben Miete dort mit ihm zu wohnen. Natürlich nahm ich das Angebot an. Die folgenden Wochen bis zu meiner Abreise blieben wir zusammen, mieteten ein Auto und unternahmen Touren in den nahe gelegenen Wildpark. Mit der Zeit lernten wir uns immer besser kennen.
De Baix wusste genau was er wollte. In Salisbury führte ihn sein erster Weg zur Synagoge. Danach hatte er plötzlich alles, was man zu einem ordentlichen Leben braucht, eine gut bezahlte Arbeit, ein Bankkonto und den Einstieg in die einflussreichen Kreise Salisburys.
Im Großen und Ganzen kam ich mit de Baix recht gut aus und er wohl auch mit mir, aber ich zog schon in Betracht, dass seine Freundschaft mir, dem Deutschen gegenüber, am Ende nur eine an der Zweckmäßigkeit ausgerichtete Kulisse sein könnte.
Ich erinnere mich an eine Begebenheit, die mir Widerwillen bereitete. Wir hatten zur Verrichtung der Hausarbeiten eine junge Afrikanerin engagiert. Ein einfaches, lustiges, schokoladefarbenes Wesen. Die junge Frau erledigte ihre Arbeit so gut sie es vermochte, ich hielt sie für zufriedenstellend, aber de Baix war mit nichts zufrieden. Ich bemerkte, dass er sie ununterbrochen schikanierte.

Als sie einmal frisch gewaschene Frottierhandtücher zusammenlegte und im Schrank verstauen wollte, packte de Baix den ganzen Stapel wirbelte alles durcheinander, warf ihn auf den Boden und behauptete, die Handtücher seien nicht ausreichend getrocknet gewesen.
Die arme Negermami war den Tränen nahe, aber das schien ihren Peiniger nur noch mehr zu reizen. Eigentlich wollte ich mich nicht einmischen, aber schließlich konnte ich nicht mehr zusehen, so überwand ich mich und stellte de Baix zu Rede. Der reagierte wütend. Seine Antwort ließ mich nicht nur staunen, Sie machte mich geradezu fassungslos.
„Jaja ich weiß schon, die Deutsche liebt die Negers!“ schnaufte er ärgerlich.
Damit war die Debatte noch nicht zu Ende. Als ich ihn fragte ob er am Ende vielleicht etwas gegen die Hautfarbe der Frau habe, fauchte er hochgradig erregt: „Mais oui! Ich bin Rassist! Mein ’aut ist weiß!“
Dazu hatte ich nichts mehr zu sagen, ich dachte mir meinen Teil. Bei solcher Einstellung schien mir alle Mühe vergebens. Ausgerechnet ein Jude gab sich als Rassist zu erkennen, das hat mich doch sehr betroffen gemacht.
Isaac Deutscher hat einen Erklärungsversuch für das Phänomen der psychologisch begründeten „Ich-Abstützung“ unternommen, der Abstützung jüdisch definierter Menschen auf Kosten offensichtlich andersrassischer Mitmenschen.
In einem Essay zum Thema „Dialektik von Antisemitismus und Zionismus“ schrieb er:
„Bezeichnend für unsere Epoche ist die Tatsache, dass ein Jude sich heute mehr als je zuvor gedrängt fühlt, seine Stellung gegenüber seiner nichtjüdischen Umwelt zu definieren.“

Bezogen auf die Situation der Juden in den Vereinigten Staaten von Amerika schrieb Isaac Deutscher:
„Er (der Jude) fühlt sich in der großen Demokratie gewissermaßen als der andere Neger, als ein weißer Neger. Und wie oft hält er sich dafür schadlos an den Schwarzen. In den Südstaaten gehören die Juden häufig zu den fanatischsten Verteidigern der weißen Vorherrschaft. In diesem Gewirr aus Emotionen, Ängsten, Vorurteilen und Rassen könne man nur schwer seine Identität ausmachen und es wird beinah unmöglich für die ganze komplizierte Situation eine befriedigende Erklärung zu finden.“

Hat de Baix aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, der vielen Juden eigenen Unsicherheit in Bezug auf die jüdische Identität, sein Ego durch die Demütigung eines anderen Menschen und der wegen dessen rassischer Andersartigkeit unterstellten Minderwertigkeit, die er als weit unter sich stehend einzustufen beliebte, zu stabilisieren versucht? Welche andere Erklärung gab es dafür?
De Baix war für mich ein Beispiel des für viele Juden als unüberwindbaren inneren Konflikt empfundenen Widerspruchs, einerseits einem Volk anzugehören, welches vor allen anderen Völkern auserwählt sein sollte, andererseits täglich die geringe Akzeptanz dieser vermeintlich durch Geburt begründeten Vorrangstellung bei den Nichtjuden zu bemerken. Man will die schöne Vorstellung, höherwertig zu sein, auskosten, kann aber, so scheint es, die eigenen inneren Zweifel niemals überwinden.

. . .


Es könnte im Jahr 1978 vielleicht auch 1979 gewesen sein, als einer meiner WSG-Kameraden einen Freund mit zu uns nach Hause brachte.
Der junge Mann mochte damals etwa Anfang zwanzig gewesen sein. Nicht allzu groß und auch nicht gerade gertenschlank, aber ihn dick zu nennen, wäre übertrieben. Er hatte semmelblonde blonde Haare, einen nordländisch weißen Teint rötlicher Komplexion und dazu die passenden hellwasserblauen Augen.
Als ich ihm die Hand zum Gruß entgegenstreckte sagte er: „Wiesengrund“ Und ich antwortete mit der Standardformel: „Angenehm“
Nach einer kurzen belanglosen Plauderei sagte er ohne Umschweife, fast provokativ: „Ich bin ein Jude.“
Ich hatte den Eindruck, dass er im Gesprächsverlauf nur auf ein passendes Stichwort gewartet hatte, um sich mir gegenüber als Jude outen zu können. Kaum hatte er ausgesprochen schaute er mich fragend an. Ich konnte ihm ansehen, dass er auf meine Antwort gespannt war, denn ich war ja als politisch rechts außenstehend bekannt, und sehr zu Unrecht als „Judenfresser“ verschrien. Einfach deshalb, weil man sich einen „Rechten“ ohne Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit nicht vorstellen konnte. „Warum sagst du mir das?“ fragte ich ihn.
Ich sprach ihn mit „du“ an, so wie ich es auch sonst mit allen wesentlich jüngeren Kameraden der WSG-Organisation mit deren Einverständnis hielt. Als Antwort bekam ich ein etwas hilflos wirkendes Achselzucken und dann kam zögernd die Erklärung: „Ich wollte wissen, wie sie reagieren“.
„Was hast du erwartet?“
„Ich weiß es nicht, Paul hat mir schon von Ihnen erzählt, er meinte, sie seien sehr tolerant, aber ich wollte das eben selbst erfahren.“
Paul war der Kamerad, der Michael Wiesengrund schon länger kannte und ihn nun mit zu mir gebracht hatte. „Ob du Jude bist oder nicht, ist für mich völlig ohne Bedeutung. Das könnte nur dann ein Problem darstellen, wenn du eine Aversion gegen mich hättest.
Das einzige Problem dass ich mit Juden habe, ist der Umstand, dass die Juden häufig etwas gegen mich haben, nicht umgekehrt. Es gibt zwar dafür keine vernünftigen Gründe, aber es ist leider einfach so, ich kann es nicht ändern. Dir trete ich jedenfalls freundschaftlich gegenüber. Paul hat dich mit hierher zu uns nach Hause gebracht, und ich will in dir nichts anderes sehen, als einen jungen Mann, der mir ohne feindselige Absicht begegnet.“
Das Thema für ein langes Gespräch war gesetzt. Endlos sprachen wir an diesem ersten Tag unsrer Begegnung und bei späteren Zusammenkünften über das so überstrapazierte deutsch-jüdische Verhältnis. Die Unterhaltungen waren wohl für mich interessanter als für ihn. Ich erfuhr alles über sein Leben, seine Familiengeschichte und den seelischen Zwiespalt, der sich aus seiner jüdischen Herkunft ergab. Wieder einmal erhielt ich Einblick in die seelische Zerrissenheit eines Menschen, der zwischen Jude sein und Nichtjude sein hin und hergerissen wird. Dabei war er nur, wenn man die ebenso albernen, wie verwerflichen Nürnberger Rassegesetze als Maßstab nehmen wollte, ein Vierteljude. Natürlich bedeutete das für mich gar nichts, aber es war erkennbar, wie sehr es ihn beschäftigte.
Ich wollte wissen, wie es seiner Familie im Dritten Reich ergangen war. Was ich hörte, entsprach nicht dem, was man als übliches Schicksal jüdischer Familien erwartet. Sein Großvater war abstrichlos Jude, der als Makler in Nürnberg sehr erfolgreich gewesen war. Sein Vermögen zählte nach Millionen.
Michaels Vater war Halbjude und die Mutter nach der Einordnung im Sinne der Nürnberger Rassegesetze ein „Arierin“. Die Familie lebte zur Zeit des Krieges in Wien und blieb, was mich einigermaßen erstaunte,  von Bedrängnissen jeder Art bis zum Kriegsende verschont.

Michael Wiesengrund fuhr damals häufig nach Wien, denn er hatte dort ein jüdisches Mädchen kennen gelernt, das er gerne geheiratet hätte, aber dem stand zu seinem Entsetzen die geringe „Vollwertigkeit“ als Jude entgegen. Die Eltern des Mädchens wollten den blonden Vierteljuden aus Nürnberg partout nicht zum Schwiegersohn haben. Wie die Sache am Ende ausgegangen wäre, wird ewig ungewiss bleiben. Michaels letzte Fahrt zu seinem Mädchen endete mit einem tödlichen Autounfall nur wenige Wochen bevor er das Millionenerbe seines Vaters antreten konnte. Der tragische, viel zu frühe Tod dieses, bei aller ihm eigenen Lebenslust seelisch gepeinigten Deutschen mit jüdischem Beziehungsgeflecht hat mich damals sehr betroffen gemacht.

©Karl Heinz Hoffmann
November 2009


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